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Überleben bei minus 48 Grad: 4 Jahre als Schlittenhunde-Guide in Skandinavien

Von am 20. März 2015

Um nachts nicht zu erfrieren, bohrte sie Eislöcher, hackte Holz, feuerte den Kamin an und kochte auf dem Gasherd, denn in den Hütten, in denen sie übernachtete, gab es weder Strom noch Wasser. Vier Jahre lange arbeitete Mel als Schlittenhunde-Guide in Skandinavien. Bei eiskalten MINUS 48 Grad ein echter Knochenjob! Wie sie die Kälte überlebte und was die Arbeit mit Huskys so besonders machte, hat sie mir verraten.

Angefangen hat alles mit einem Gewinnspiel. Während ihrer Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau gewann Mel eine Tour mit Schlittenhunden in Norwegen und war hellauf begeistert. Schon damals setzte sie sich in den Kopf selber einmal mit Huskys zu arbeiten.

Als sie einige Jahre später in einem Hostel in Neuseeland saß, entschied sie, ihre Pläne in die Tat umzusetzen und bewarb sich querbeet bei verschiedenen Huskyfarmen in Skandinavien. Eine Farm in Finnland antwortete und bot ihr an, sie als Schlittenhunde-Guide auszubilden. Volltreffer! Sie nahm den Job an.

Zu Beginn reichten Mels Aufgaben vom Füttern der Hunde bis zum Scheiße kratzen, Zwinger reparieren und Welpen trainieren. Später durfte sie die ausgewachsenen Hunde mit Quads trainieren und Schlittentouren begleiten. Sie arbeitete 10 bis 24 Stunden täglich. Ein echter Knochenjob, doch langweilig wurde es nie, denn kein Tag war wie der andere.

Schlittenhunde Skandinavien

Mel mag die Kälte. Eine Eigenschaft, die für mich als Sonnenjunkie nicht nachvollziehbar ist. Sie sagt: „Ist es zu warm, hat man irgendwann nichts mehr, was man noch ausziehen kann, während man, wenn einem zu kalt ist, immer mehr anziehen kann.“

Von welchen Temperaturen wir hier eigentlich reden, möchte ich wissen. „Den Gästen war es schon ab minus 5 Grad zu kalt,“ erzählt Mel. „Aber um ehrlich zu sein, auch ich finde minus 5 Grad verdammt kalt, denn es ist nass. Ab minus 15 Grad ist es angenehm und trocken, aber ab minus 40 wird es dann einfach nur saukalt. Ich habe Temperaturen von bis zu minus 48 Grad erlebt.“

Grandiose Winterlandschaft in Finnland

Grandiose Winterlandschaft in Finnland

Die Winterlandschaft sieht traumhaft aus, doch ich kann mir nicht vorstellen bei solchen Temperaturen zu leben. Deshalb interessiert mich vor allem, wie man diese Eiszeit aushält. Mels Überlebenstipp: „Man sollte versuchen sich immer in Bewegung zu halten. Nicht so viel, dass man schwitzt, sondern eher ruhige Bewegungen. Leider neigen viele dazu, sich total zu verkrampfen und sich gar nicht mehr zu bewegen. Das ist das Schlimmste, was man machen kann.“

„Trotz allem sieht man ziemlich lustig aus, wenn es kalt ist. Männer bekommen graue Bärte, Frauen graue Haare und kostenlose weiße Wimperntusche. Und Lachen hält ja bekanntlich auch warm!“

So siehts aus wenns kalt ist. Mel bei minus 24 Grad.

So siehts aus wenns kalt ist. Mel bei minus 24 Grad.

Nach drei langen Wintern zog es sie weiter nach Schweden auf eine andere Huskyfarm. „Hier waren meine Aufgaben die gleichen, nur, dass ich von Anfang an viel mehr Verantwortung zu tragen hatte, die Hunde trainierte und Touren begleitete“, berichtet Mel.

Zeit zum Reisen hatte sie leider keine. „In den 4 Jahren als Schlittenhunde-Guide habe ich kein anderes Land besucht und hatte insgesamt nur 4 Wochen Urlaub. Und trotzdem war es eine wunderbare Erfahrung.“

Ein typischer Arbeitstag auf der Huskyfarm

Ich möchte von Mel wissen, wie ein typischer Arbeitstag auf der Huskyfarm aussah. Sie antwortet: „Ganz unterschiedlich. Es kam immer darauf an, ob ich eine Tour begleitete oder nicht. An einem normalen Tag im Camp standen das Füttern der Hunde, Putzen, Fell- und Krallenpflege sowie das Reparieren der Zwinger auf dem Programm.

Im Herbst trainierten wir die Hunde mit Quadbikes zur Vorbereitung auf den Winter und während der Wintersaison fuhren wir Touren. Es gab Halbtages-, Tages- und sogar Übernachtungstouren. Die Schlitten wurden vorbereitet, die Gäste begrüßt und ins Schlittenfahren eingewiesen. Dann fuhr ich vorne weg, während die Gäste ihren eigenen Schlitten hinter mir lenkten.

Nach einem Tagesausflug kam ich abends zurück ins Camp und dann stand wieder Hundepflege auf dem Plan. Bei Übernachtungstouren schliefen wir in Hütten ohne Strom und ohne Wasser. Hier hieß es dann, für die Gäste ebenso wie für mich, Eisloch bohren, Holz hacken, den Kamin anfeuern und auf dem Gasherd kochen. All dies natürlich erst, nachdem die Hunde versorgt waren.“

Alaskan HuskyDie besten Momente

Auf meine Frage nach den besten Momenten in ihrer Zeit als Schlittenhunde-Guide sagt Mel: „Jeder einzelne Moment mit den Hunden war ein “bester Moment”. Die kleinen Vierbeiner gaben mir so viel. Sie waren immer für mich da, wenn es mir nicht gut ging, wenn ich glücklich, traurig oder verärgert war.

Zu den besten Momenten gehörten auch die traumhaften Sonnenaufgänge nach 5-6 Wochen Dunkelheit, wenn es die Sonne grade so wieder über den Horizont schaffte.“

Finnland Schweden Schlittenhunde6 Wochen in Dunkelheit

Weit oberhalb des Polarkreises gibt es eine Zeit, in der die Sonne es nicht schafft über den Horizont zu schauen. So hat Mel ungefähr 6 Wochen in Dunkelheit gelebt. Ich möchte mehr darüber wissen: Wie fühlt es sich an in absoluter Dunkelheit zu leben?

„In Dunkelheit? Kann man das überhaupt so sagen? Nein, nicht wirklich, denn nur weil die Sonne nicht aufgeht, heißt es nicht, dass es den ganzen Tag stockfinster ist. Jeder kennt die Zeit nach dem Sonnenauf- und vor dem Sonnenuntergang. Diese wundervolle Stimmung, wenn der Himmel tausende von Farben aufweist, von weiß, über blau und orange bis hin zu rot. Genau diese Stimmung herrscht tagsüber für 4-6 Stunden. Bei schönem Wetter ein traumhaftes Farbenspiel!“

Natürlich begannen und endeten unsere Touren in Dunkelheit. Dies ist jedoch ebenfalls etwas ganz besonderes. Mit Stirnlampen durch die Dunkelheit, über uns der sternenklare Himmel, kein künstliches Licht, das die Stimmung verderben könnte. Dann und wann sogar mit Nordlichtern durchzogen…“

Wurdest du nicht depressiv ohne Sonnenstrahlen?

„Sechs Wochen ohne Sonne zerren definitiv an den Nerven. Nicht umsonst ist die Suizid-Rate im nördlichen Skandinavien ziemlich hoch. Die Sonne spendet uns Vitamin D, das wir brauchen um fröhlich zu sein. Um Schlimmeres vorzubeugen, gab es das Vitamin in allen Apotheken in Tablettenform zu kaufen. Depressionen hatte ich selber nie, jedoch habe ich in dieser Zeit gemerkt, dass ich mich schneller angegriffen fühlte und gereizt reagierte.“

Ein Leben ohne Kälte-Gen

Was Mel aus ihrer Zeit in Skandinavien gelernt hat: „Ich habe viel über Hundeerziehung erfahren und auch handwerklich einiges gelernt. Vor der Arbeit auf den Huskyfarmen konnte ich nicht einmal einen Nagel gerade in die Wand schlagen. Nach den 4 Jahren als Schlittenhundeguide behaupte ich, Zwinger reparieren zu können, als hätte ich nie etwas anderes gemacht.

Außerdem habe ich gelernt mit Kälte von bis zu minus 48 Grad klarzukommen. Verloren habe ich dadurch allerdings mein “Kälte-Gen”, denn seitdem ist mir ab plus 15 Grad viel zu warm.“

Dass Mel ihr Kälte-Gen verloren hat, kann ich bestätigen, denn ich habe sie in Norwegen erlebt. Im Schnee. Mit kurzer Hose! Ich lernte Mel durch meine Arbeit auf dem Kreuzfahrtschiff kennen. Mehrere Monate lang sind wir gemeinsam als Kolleginnen über die Weltmeere geschippert. Als wir mit dem Schiff am Nordkap waren und ich vor Kälte zitterte, empfand sie die eisigen Temperaturen genau richtig. Der Orient hingegen war ihr viel zu heiß. Na, wenigstens hatte sie in Norwegen dicke Schuhe und eine Jacke an :)

Mel verbindet ihre Liebe zum Reisen mit dem Job und arbeitet sich um die Welt. Auf ihrem Blog www.world-whisperer.com erzählt sie von ihren Erfahrungen und Abenteuern.

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2 Kommentare
  1. Antworten

    Mel

    22. März 2015

    Hallo Julia,

    danke für den tollen Bericht. Grade am Ende musste ich herzhaft lachen weil ja jeder sagte dass ich spätestens im Mittelmeer mit langer Hose laufen würde und ich wirklich nur am Nordkap selber eine anhatte, während alle anderen mit bis zu 7 Schichten rum liefen :-)

    Ich hoffe wir sehen uns mal wieder.

    Liebe Grüße aus Dubai
    Mel

    • Antworten

      julialassner

      22. März 2015

      Hi Mel,
      du bist echt der Knaller mit deinem nicht vorhandenen Kälte-Gen :)
      Ich friere mir hier in Berlin ordentlich den Arsch ab und vermisse
      die Wärme so sehr!
      Vielen Dank für deine tolle Story!
      Alles Liebe in den geliebten Orient
      Julia

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Julia Lassner
Graubünden, Schweiz

Hi, ich bin Julia, eine Weltreisende, die ihrem Herzen folgt. 50 Länder habe ich bisher bereist und jedes einzelne hat mich gelehrt, dass jeder Tag ein Geschenk ist. Auf globusliebe.com zeige ich dir die schönsten Flecken unserer wundervollen Erde. Sei dabei und erlebe den Zauber des Reisens ♡

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