Wenn Träume platzen
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Corona Diaries: Über geplatzte Träume, Existenzängste & Zukunftsvisionen

Von
27. März 2020

Jeden Morgen wache ich auf, hüpfe aus dem Bett, ziehe die Fensterrollos nach oben und blicke auf eine leere Straße. Die Welt ist ruhig geworden. Keine Kinder, die zur Schule laufen, keine Omi, die vor ihrer Haustür fegt, kein Jogger, der schon früh seine Runde dreht und niemand, der mit der Brötchentüte vom Bäcker kommt. Ich verharre für einige Minuten am Fenster und wünsche mir von ganzem Herzen, dass das alles nur ein mieser Traum ist. Doch es ist kein Traum. Die Krise ist real. Die Ungewissheit, die Machtlosigkeit, die Angst – alles ist real.

Als ich mich vor einem Monat zum ersten Mal intensiv mit Corona beschäftigte, war ich, wie viele andere, der Meinung, dass es sich um ein harmloses Virus, vergleichbar mit einer normalen Grippe handele, an der alleine in Deutschland jährlich 20.000 Menschen sterben. Ich war davon überzeugt, dass die Medien das Ganze mal wieder unnötig hochbauschen und regte mich über unsinnige Hamsterkäufe auf. (Letzteres tue ich noch immer)

Damals hatte ich jedoch noch keinen blassen Schimmer davon, welche gigantischen Ausmaße die Verbreitung des Coronavirus mit sich bringen würde. Niemals, nicht in meinen verrücktesten Träumen, hätte ich damit gerechnet, dass eine Pandemie die Welt zum Stillstand bringen würde. Und niemals hätte ich gedacht, dass meine eigene Existenz nur wenige Wochen später auf dem Spiel steht. Schon gar nicht, weil doch gerade alles so unglaublich gut lief und ich schon bis weit in den Herbst hinein ausgebucht war.

Seifenblasen

Die Branche, in der ich arbeite, war eine der ersten, die aufgrund von Corona kollabierte. Mein Postfach stand plötzlich still. Sämtliche Aufträge wurden abgesagt, monatelang im Voraus geplante Projekte wurden gecancelt und alle anstehenden Produktionsreisen wurden storniert – die meisten ohne Nachholtermin.

Von einem auf den anderen Tag wurde mir der Boden unter den Füßen weggerissen. Nicht nur, dass ich nicht mehr reisen konnte, nein, ich war von jetzt auf gleich arbeitslos und stand ohne Einkommen da. Die Krise traf mich mit voller Wucht.

Mittlerweile musste ich fast 30.000 Euro von meiner Einnahmenliste für 2020 streichen. Geld, das ich für meine Fixkosten benötige. Geld, von dem ich lebe, Miete und Steuern zahle und von dem ich in diesem Jahr einen großen Traum realisieren wollte – nämlich endlich einen Bus kaufen und mit meinem Freund selbst ausbauen, um nächstes Jahr durch Europa zu reisen.

Und nun sitze ich hier, mit einer Tasse Kaffee in der Hand, auf der Dachterrasse und blicke ins Leere. Meine Träume, Wünsche und Pläne schienen vor wenigen Tagen noch zum Greifen nahe. Nun sind sie zerplatzt, wie Seifenblasen an einem heißen Sommertag. Die Tränen kullern. Ich bin mit der Situation überfordert. Bin wütend, traurig, gelähmt. Ich fühle mich leer.

Wie lange ich das durchstehe, wie lange ich mein kleines Solo-Unternehmen ohne Einnahmen durchbringen kann, das weiß ich nicht. Der Druck wächst jedenfalls von Tag zu Tag und ich habe große Angst davor, dass dieses Jahr böse enden wird.

Natürlich ist mir bewusst, dass ich ein sehr privilegiertes Leben führe. Während ich ein Dach über dem Kopf, genug zum Essen und sogar Klopapier (!!!) habe, herrschen anderswo Kriege, Hungersnöte und Flüchtlingskrisen. Meine Gedanken sind in diesen schweren Zeiten oft bei den Geflüchteten an unseren Außengrenzen, bei den Kranken, den Obdachlosen und Schutzsuchenden, deren Leid aufgrund von Corona nun noch mehr in den Hintergrund rückt. Und trotzdem ändert das nichts an meiner persönlichen Krise. Es macht meinen Weltschmerz nur noch unerträglicher.

Coronakrise

Die Welt zwingt uns zum Anhalten

Nach Tagen geprägt von Existenzängsten und Machtlosigkeit, entschied ich mich dazu, der Aufgabe, vor die uns das Universum gerade stellt, nicht weiter mit Resignation, sondern mit Kampfgeist und positiver Energie zu begegnen. Ich beschloss, mich von nun an nicht mehr mit einer Zukunft zu beschäftigen, die mit mehr Ungewissheit gepflastert ist, als ich es je zuvor erlebt habe.

Was Morgen ist weiß niemand von uns. Deshalb fokussiere ich mich von nun an auf den Moment und der soll gottverdammt noch mal nicht von Geld und zerbrechlichem Wohlstand abhängig sein!

Ich reduzierte meinen Nachrichtenkonsum von Corona-Schreckensmeldungen, konzentrierte mich wieder mehr auf die positiven Dinge und zwang mich selbst zu einem Perspektivenwechsel. Meine wirtschaftliche Lage mal außen vor gelassen, geht es mir seitdem sehr viel besser, ehrlich gesagt sogar richtig gut.

Ich stehe morgens mit einem Lächeln auf und mache es mir mit Kaffee, Wolldecke und Kuschelpulli auf der Dachterrasse gemütlich. Ich genieße die Stille, die nur vom Zwitschern der Vögel durchbrochen wird und spüre, wie die ersten warmen Sonnenstrahlen des Tages meine Seele streicheln. Später versorge ich die Pflanzenkinder, die wir frisch ausgesät haben. Ich mache Yoga, meditiere und nehme mir Zeit fürs Frühstück. Ich lasse den Tag viel langsamer, viel bewusster angehen, als ich es vor der Krise getan habe.

Am Nachmittag liege ich in der Sonne, gehe stundenlang im Wald spazieren, laufe, lese, koche, telefoniere, baue mit meinem Freund an unserem neuen Hochbeet oder erlaube mir einfach mal nichts zu tun. All diese Dinge kamen in meinem sonst so schnelllebigen Alltag stets zu kurz. Corona zwingt mich nun zum Anhalten, Durchatmen, Innehalten und ich merke, wie gut das Körper und Geist tut.

Zwischendurch holen mich die Ängste und negativen Gedanken immer wieder ein, aber das ist okay. Ich schiebe sie nicht weg, sondern lasse sie zu. Manchmal verzweifle ich, manchmal kocht der Bauch vor Wut, doch dann schaffe ich es meist ziemlich schnell mich wieder aus diesem Gedankenkarussell herauszuholen, nach vorne zu blicken, stark zu sein, gute Laune und Liebe zu versprühen.

Kaffee am Morgen

Neue Chancen

Von Tag zu Tag beobachte ich, wie sich Angst, Wut, Trauer und Machtlosigkeit in Positivität umwandeln und das scheint nicht nur mir so zu gehen, denn da draußen sehe ich fremde Menschen, die sich trotz social distancing gegenseitig helfen, die zusammenhalten und das Beste aus dieser Situation machen.

Ich sehe singende Italiener auf ihren Balkonen. Ich sehe Videos von Menschen, die Konzerte geben oder aus Büchern vorlesen. Ich sehe das klare Wasser in Venedigs Kanälen, die zurückgekehrten Delfine und die Satellitenbilder, die zeigen, wie sauber die Luft ohne Flugverkehr, Kreuzfahrtschiffe und Industrie plötzlich wird. Ich sehe, wie die körperliche Distanz plötzlich Empathie und Nähe in unsere Gesellschaft bringt.

Das macht mich glücklich und es lässt mich hoffen. Hoffen, dass wir endlich erkennen, dass die Erde uns Menschen nicht braucht, wir sie aber schon. Hoffen, dass wir durch diese Pandemie begreifen, was die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind.

Das Leben nach Corona

Irgendwann, wenn die Krise endlich vorbei ist und wir unser Zuhause verlassen dürfen, dann füllen sich die Straßen wieder mit Leben und die Welt wieder mit Farben. Dann werden wir unsere Herzmenschen endlich wieder in die Arme schließen, miteinander weinen, lachen und feiern.

Wir werden wieder reisen und unsere neu gewonnene Freiheit zu schätzen wissen. Wir werden auch unsere Gesundheit wieder mehr zu schätzen wissen und all die alltäglichen Dinge, wie die Mittagspause im Café oder der Griff zum Klopapier im Supermarktregal.

Die Krise wird unsere Welt grundlegend verändern. Nichts wird mehr sein wie es einmal war, aber tief im Inneren möchte ich daran glauben, dass am Ende alles gut wird und dass wir als stärkere Gemeinschaft aus dieser Sache hervorgehen.

Ich bin mir jedenfalls sicher, dass Corona bei jedem Einzelnen von uns ein Samenkorn hinterlässt. Ein Samenkorn voller Möglichkeit.

Jetzt liegt es an uns, was wir daraus machen.

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11 Kommentare
  1. Antworten

    Nicole

    28. März 2020

    Wunderbar Julia! Immer wieder berührt mich was Du schreibst. Das hat Tiefe und das muss bleiben. Mach weiter. Schreib auch über solche Themen wie diese. Du hast Herz und Gefühl mit ganz viel Tiefgang.

    Herzliche Grüße Nicole

  2. Antworten

    Frank Schulz

    28. März 2020

    Hallo, ich bin über die Tipps zu Madeira auf die Seite gestoßen und bin begeistert.
    Einige der beschriebenen Touren habe ich kurz vor Corona Ende Februar 2020 selbst erleben dürfen und hätte sie nicht besser beschreiben können.
    Jetzt sind neue Anregungen dazu gekommen und weiß, was ich auf dieser schönen Insel noch alles nachzuholen habe (und wo ich mich zu anderen Touren informieren kann).
    Herzlichen Dank dafür und alles Gute im Kampf gegen die Auswirkungen der Krise.

  3. Antworten

    Polly I Weltgefühle

    29. März 2020

    Liebe Julia, ich kann dich total verstehen! Ich wünsche dir in dieser schwierigen Zeit alle Kraft der Welt und ich bin mir sicher, dass du dich auch nach der Krise wieder wie gewohnt als Reisebloggerin etablieren kannst. Dein Blog ist der inspirierendste und beste Reiseblog, den ich kenne und ich bewundere deine Arbeit. Gemeinsam werden wir alle die Krise durchstehen! Liebe Grüße, Polly

  4. Antworten

    Alfred Paulus

    29. März 2020

    Viele Grüße aus dem schönen Kraichgau
    Ich schaue mir ihre Seite seit ihrem Besuch in BRETTEN LKR. KARLSRUHE regelmäßig an. Machen Sie sich keine Sorgen. Sie haben in wenigen Jahren viel mehr erlebt als die meisten Menschen. Was ein Mensch erlebt hat, kann einem niemand nehmen. Ich kenne viele, die nie über ihr Dorf, ihre Stadt hinaus gekommen sind .
    Bleiben Sie gesund.
    Alfred Paulus

    • Antworten

      Julia

      30. März 2020

      Vielen Dank für das Feedback. Es geht mir ehrlich gesagt nicht ums Reisen und Erleben, sondern eher um meine Existenz :) Nicht reisen bedeutet für mich kein Geld verdienen.
      Viele Grüße zurück,
      Julia

  5. Antworten

    Kerstin

    31. März 2020

    Wunderschön geschrieben! Ich habe in den letzten Tagen sehr oft an Dich gedacht. Als jemand mit viel Reiselust, der immer Deine Berichte gelesen hat und jetzt traurig ist, daß die eigenen Reisen nicht stattfinden, war ich mir doch des Luxus‘ bewußt, daß ich nicht davon leben muß, so wie Du.
    Ich wünsche Dir von Herzen, daß Du gut aus dieser Krise heraus kommen wirst und uns weiter mit Deinen schönen Geschichten bereichern kannst.

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Hey, ich bin Julia,

Reisebloggerin, Fotografin und Autorin der Bücher »Fernweh« und »Wie uns Reisen glücklich macht«. Auf globusliebe findest du Tipps, die nicht in jedem Reiseführer stehen. Da mein Herz nicht nur fürs Reisen, sondern auch für die Erhaltung unseres wundervollen Planeten schlägt, bekommen nachhaltige Themen hier einen immer größeren Fokus.

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