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Zwischen Heimweh und Fernsucht – Übers Reisen, Loslassen und Ankommen

Von
4. März 2015

Heimweh? Was ist das eigentlich? Wikipedia sagt: “Es ist die Sehnsucht in der Fremde, wieder in der Heimat zu sein und steht im Gegensatz zum Fernweh, der Sehnsucht in die Ferne.” Heimweh habe ich selten, Fernweh dafür umso häufiger.

Immer wieder treibt es mich in die Welt hinaus. Der Reiz, mich kopfüber in neue Abenteuer zu stürzen, scheint bei mir unendlich zu sein. Es gibt noch so viele Orte auf dieser Erde, die mich magisch anziehen, so viele Länder, die ich entdecken möchte und so viele Kulturen, in die ich eintauchen will.

Trotz meiner nicht heilbaren Fernsucht, sehne ich mich oft nach einem Zuhause, nach einem Ort, an dem ich ankommen kann, wenn ich nicht unterwegs bin.

Seit mehr als drei Jahren reise ich mittlerweile heimatlos um die Welt. Meine letzte Wohnung, eine WG mit einer Freundin, habe ich im Winter 2011 aufgelöst. Wir hatten ein kleines, gemütliches Haus in der wunderschönen Studentenstadt Leeuwarden in Nordholland. Bei meinem Auszug habe ich sämtlichen Besitz verkauft, viel übers Internet, das Meiste auf Trödelmärkten. So kam ich zu knapp 2.000 Euro, die meine Reisekasse enorm aufbesserten.

Freiheit

Das Loswerden meiner Sachen brachte mir allerdings nicht nur Geld, sondern auch ein extrem gutes Gefühl. Ich merkte, wie sehr mich das Loslassen von Ballast befreite und trennte mich von immer mehr materiellen Dingen. Keine Wohnung, kein Auto, kein Fernseher und kaum Besitz zu haben, gab mir ein Gefühl von Freiheit, von Ungebundenheit, von Glück. Nichts hielt mich an einem bestimmten Ort fest. Im Gegenteil, ich konnte jederzeit meinen Rucksack packen und losziehen und das tat ich auch.

Seitdem bin ich unterwegs.

Ich verstaute meine übrig gebliebenen Sachen in Kartons, brachte sie zu meinen Eltern nach Deutschland und flog nach Asien. Ich studierte sechs Monate in Indonesien und Thailand, arbeitete insgesamt 15 Monate auf Kreuzfahrtschiffen und fuhr so mit meinem Arbeitsplatz um die Welt. Ich reiste durch Neuseeland und Australien, war auf Hawaii, in New York, Portugal und Italien. Heimweh hatte ich in diesen drei Jahren nicht, aber einen Ort vermisst, den ich Zuhause nennen kann, das habe ich irgendwie schon….

Ein neues Zuhause

Und aus diesem Grund ist es nun endlich soweit: Ich habe ein Zuhause und zwar in meiner Lieblingsstadt, in Berlin. Vor fünf Tagen bin ich mit meiner Schwester eingezogen, in eine Wohnung, die ich nie zuvor gesehen habe. Sie hat sich um alles gekümmert, war tausende von Wohnungen besichtigen, hat die tollste rausgesucht und den Mietvertrag unterschrieben. Ich habe einfach nur ja gesagt. Ja zu einem neuen Leben, ja zu einem neuen Abenteuer, in das ich mich mal wieder Hals über Kopf hineinstürze, ohne zu wissen, was auf mich zukommt.

Mein Bauch kribbelt. Es ist ein zauberhaftes Gefühl. Noch hausen wir in einem riesigen Chaos zwischen Umzugskartons, Kisten und Werkzeug. Wir haben noch jede Menge Arbeit vor uns, denn da ich nicht mehr als zwei Ikea Kommoden, ein paar Sommerklamotten und Bücher besitze, müssen erst einmal Möbel angeschafft und Regale gebaut werden.

Aber das alles nehme ich gerne in Kauf, denn was mich im Moment überglücklich macht, ist die Tatsache, nicht mehr jeden Morgen meinen Rucksack packen und in ein anderes Hostel ziehen zu müssen oder als Alternative in einer winzigen Zweierkabine auf dem Schiff zu leben, ohne Frischluft und Tageslicht.

Dass ich jetzt tatsächlich in einer Wohnung wohne, kann ich selbst kaum glauben und das diese in Deutschland ist, schon dreimal nicht. Wenn Deutschland, dann auf jeden Fall Berlin, habe ich immer schon gesagt. Eine andere Stadt kommt für mich nicht in Frage, denn mein Herz schlägt für die Hauptstadt. Melbourne, Istanbul, Amsterdam, New York und Lissabon stehen ganz oben auf meiner “Städte, in denen ich wohnen möchte”-Liste, aber Berlin ist und bleibt meine Nummer Eins. Warum? Das verrate ich euch ein anderes Mal.

Zweite Chance

Ehrlich gesagt, habe ich es schon einmal versucht sesshaft zu werden und in Berlin zu leben. Ich bin mit meinem Backpack in den Fernbus gestiegen, zehn Stunden später in Berlin wieder ausgestiegen, habe mich bei einer Freundin einquartiert, spontan einen Job gesucht und auch gefunden und habe versucht anzukommen.

Doch die Fernsucht war stärker. Sie packte mich schneller als mir lieb war. Nach zwei Monaten brach ich alle Zelte wieder ab, buchte ein One-Way-Ticket ans andere Ende der Welt und bevor ich Zeit hatte einen Rückzieher zu machen, zog ich zum ersten Mal in meinem Leben ganz alleine los.

Heute, 1,5 Jahre später, gebe ich meiner Lieblingsstadt eine zweite Chance. Auf Reisen habe ich mich oft nach einem Zuhause gesehnt. Einem Ort, an dem ich mich wohlfühle, wo ich mein Bücherregal (das ich bisher noch nicht besitze) aufstellen kann, wo ich nicht aus dem Rucksack lebe, wo ich ankommen kann, tun und lassen kann was ich möchte, mein Fenster öffnen, Musik hören, kochen und dekorieren kann, wo ich Privatsphäre habe, Fotos und Postkarten aufhängen kann, im Bett Tee trinken, Freunde einladen und wenn mir danach ist, einfach die Tür schließen und alleine sein kann.

Berlin ist also meine neue Homebase, natürlich mit der Option zum jederzeitigen Aufbruch, denn mein neues Zuhause soll mir ein Gefühl vom Ankommen geben, aber genauso Freiraum lassen zum Glücklichsein.

Angst wieder alles hinzuschmeißen und aufzubrechen habe ich dieses Mal nicht. Angst macht mir eigentlich nur die abartige Kälte in Deutschland, denn seit drei Jahren habe ich keinen richtigen Winter mehr erlebt. Aber hey, ich kann den Frühling schon fast riechen und dann steht erst einmal der Sommer in Berlin bevor. Ein Sommer mit Freunden, Festivals, Partys und Seen und natürlich mit gaaaaaanz viel globusliebe. Ach, ich freue mich!

P.S: Meine nächste Reise ist übrigens schon geplant, denn ihr wisst ja, es zieht mich immer wieder in die Ferne. Zur Zeit schwebe ich irgendwo zwischen Heimweh und Fernsucht.

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11 Kommentare
  1. Antworten

    Babsi

    4. März 2015

    Da bin ich voll und ganz bei dir meine Liebe :)

  2. Antworten

    Lisa

    4. März 2015

    Ich verstehe dich auch nur zu gut. Bin in der Schweiz aufgewachsen und für mich ist schon sehr lange klar, dass ich wenn ich mein Zelt aufschlage dies irgendwo anderst ist. Eine feste Bleibe aber halt in anderen Breitengraden, dass ist für mich das perfekte!
    Bin gespannt ob dich das Fernweh wieder packt, oder du in Berlin bleibst!

    • Antworten

      Julia

      4. März 2015

      Hallo Lisa,
      ich bin auch sehr gespannt darauf, wie lange ich in Berlin bleiben werde. Im Moment fühlt es sich toll an, eine feste Bleibe zu haben. Andererseits weiß ich ganz genau, dass mich das Fernweh schnell wieder packen wird.
      Alles Liebe,
      Julia

  3. Antworten

    Beate Franke

    4. März 2015

    Liebe Julia,
    ich kann dich sehr gut verstehen. Es leben immer zwei Seelen in einer Brust. Die große Herausforderung des Lebens ist, beiden gleichermaßen gerecht zu werden. Im Moment zu leben und viel Erfahrung sammeln, damit viel “Futter” zum Träumen da ist. Genieße jeden Augenblick so wie er grade ist.

    • Antworten

      Julia

      4. März 2015

      Liebe Beate,
      danke für diese schönen und wahren Worte.
      Auf dass das Leben noch viel Futter zum Träumen für uns bereithält.
      Liebe Grüße,
      Julia

  4. Antworten

    Mel

    15. März 2015

    Liebe Julia,

    meine letzte eigene Wohnung habe ich 2006 aufgegeben. Im Urlaub lebe ich bei meiner Mutter oder Freunden. Manchmal sehne auhc ich mich nach einer Heimat wo ich einfach die Tür hinter mir zuziehen kann – aber auch so ists schön meinen eigenen Teil des Hauses bei meiner Mutter zu haben. Auch dort kann ich die Tür zuziehen wenn ich will.

    Liebe Grüße
    Mel

  5. Antworten

    Paleica

    23. März 2015

    wow, 3 jahre ohne festen wohnsitz, ich kann mir das kaum vorstellen aber ich bin immer wieder fasziniert von den geschichten, die die menschen erzählen. ich drücke dir die daumen udn wünsche viel glück für das neue leben!

    • Antworten

      Julia

      23. März 2015

      Danke für deine lieben Worte!
      Genieße zur Zeit meine neue Wohnung und das
      Frühlingswetter in Berlin.
      Alles Liebe, Julia

  6. Antworten

    Caro

    7. August 2015

    Ein sehr schöner Text, der mir aus der Seele spricht. Ich bin in St. Leonhard Südtirol aufgewachsen, wunderschön, aber auch beschaulich. Da hat mich immerzu das Fernweh gepackt. Jetzt “muss” ich ständig reisen für die Arbeit, bin kaum je in meiner alten Heimat und denke oft mit Sehnsucht daran zurück, wie schön beschaulich doch alles war. *g*

    • Antworten

      Julia

      7. August 2015

      Hallo Caro,

      kann gut nachvollziehen wie sich das anfühlen muss.
      Oft merkt man erst, was man in der Heimat hatte, wenn
      man mal weg ist und nicht ständig zurück kann.

      Alles Liebe,
      Julia

  7. Antworten

    Denise

    13. August 2015

    Hallo Julia,

    ein toller Bericht und ich kann Dich da gut verstehen.
    Ich selbst habe zwar einen festen Wohnsitz (und ich genieße jede Minute, die ich mich dort aufhalte) und einen festen Arbeitsplatz, jedoch zieht es mich ebenso ständig raus in die Welt.
    Glücklicherweise komme ich schon alleine durch mein Hobby recht gut herum.
    Jetzt bin seit ca. 3 1/2 Wochen wieder in Deutschland und schon hat mich das Fernweh wieder gepackt…

    Liebe Grüße und weiterhin viele schöne Stunden unterwegs in der Welt UND in Deinem neuen Zuhause.

    Denise

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Hey, ich bin Julia,

Reisebloggerin, Fotografin und Buchautorin. Am glücklichsten bin ich draußen in der Natur, beim Wandern, mit frischer Luft in den Lungen, Sonne im Gesicht und meiner Kamera im Gepäck. Auf globusliebe.com findest du Inspiration und Tipps rund um verantwortungsvolles Reisen und einen nachhaltigen Lebensstil.

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