Fair produzieren fair bezahlen
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Warum Nachhaltigkeit kein Argument für unbezahlte Werbung ist

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17. Februar 2021

„Liebe Julia, wir lieben deine Arbeit auf Instagram und schätzen auch den Mehrwert deiner Blogbeiträge sehr. Deshalb würden wir dir gerne kostenlos unser Produkt zusenden. Im Gegenzug erwarten wir von dir nur eine Story mit Link zu unserer Seite, einen Instagram Post, einen Blogbeitrag und wenn du magst, kannst du auch gerne ein Gewinnspiel organisieren. Da wir als kleines Unternehmen selbst noch im Aufbau sind, haben wir leider keine finanziellen Mittel zur Verfügung und können dich leider nicht bezahlen. Aber deine Leser und Follower hätten sicher einen riesigen Mehrwert und da du ja großen Wert auf Nachhaltigkeit legst, tust du mit unserem Produkt selbst noch etwas Gutes für die Umwelt.“

Täglich landen solche Emails in meinem Postfach – oft von Unternehmen, die sich Nachhaltigkeit und faire Arbeitsbedingungen auf die Fahne schreiben. Sie wollen sich von konventionellen Firmen abheben, doch leider endet die Fairness meist beim Marketing – sprich bei der Bezahlung von Bloggern und Influencern aus der Nachhaltigkeitsbranche, die den Verkauf ihrer Produkte ankurbeln und somit Umsatz generieren sollen.

Ich bin es unendlich leid, jedes Mal erklären zu müssen, dass ich sehr viel Zeit und Herzblut in meine Arbeit stecke, dass ich, wie jeder andere arbeitende Mensch in unserem System, Geld für meine Arbeit verlange und dass ich weder von vermeintlich kostenlosen Produkten (die trotzdem versteuert werden müssen) noch von kostenlosen Hotelübernachtungen meine Miete, Gewerbesteuern oder meinen Lebensunterhalt bezahlen kann.

„Gehen Sie denn auch zum Friseur und lassen sich die Haare schneiden ohne zu bezahlen?“ Darauf bekomme ich meistens keine Antwort mehr. Wenige Tage später entdeckte ich das besagte Produkt des Unternehmens dann bei einem/r anderen Influencer/in und mir wird mal wieder bewusst, dass sich immer jemand finden lässt, der/die auf die unfairen Maschen der scheinbar nachhaltigen Unternehmen reinfällt.

Es gibt immer jemand, der/die sich ausbeuten lässt und kreative Arbeit, Zeitaufwand und Reichweite gegen ein vermeintlich kostenloses Produkt tauscht. So lernen die entsprechenden Firmen leider nie, dass Nachhaltigkeit kein Argument für unbezahlte Werbung ist.

fair produzieren fair bezahlen

Egal wie groß oder klein ein Instagram Account oder Blog ist, Werbung ist und bleibt Werbung und muss meiner Meinung nach fair bezahlt werden. Als Bemessungsgrundlage dient dabei nicht nur die reine Reichweite, sondern im besten Fall wird auch der oft unterschätzte Arbeitsaufwand für die Erstellung des Werbecontents mit in die Vergütung einbezogen.

Hat ein Unternehmen keine finanziellen Mittel zur Vermarktung seiner Produkte und/oder Dienstleistungen eingeplant, kann es eben keine Werbung machen. So einfach ist das.

Ich rede hier übrigens nicht von Non-Profit-Organisationen oder Vereinen die sich in gemeinnütziger Weise für die Umwelt einsetzen, sondern es geht hier um gewinnorientierte Unternehmen.

Dazu zählen zum Beispiel auch solche, die mit geretteten Obst- und Gemüsekisten gegen Lebensmittelverschwendung vorgehen wollen, denn auch sie verkaufen ihre Kisten nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern um möglichst hohe Gewinne zu erzielen.

Influencern wird von diesen Firmen regelmäßig vorgegaukelt, es gäbe kein Werbebudget, weil es sich ja schließlich um eine gute Sache (die Bekämpfung eines gesellschaftlichen und ökologischen Problems) handele. Außerdem würde man ja mit kostenlosem Obst und Gemüse für seine Leistungen bezahlt. Prima, das schlage ich meinem Vermieter demnächst auch mal vor!

Influencer Marketing

Influencer Marketing ist heutzutage ein unglaublich wirkungsvolles Tool für Firmen, denn Influencer/innen haben in der Regel einen sehr persönlichen Zugang zu ihrer Community. Diese Community haben sich die meisten über viele Jahre mühsam aufgebaut, indem sie täglich kostenlose Inhalte liefern. Vor allem in der Nachhaltigkeitsbranche sind diese Inhalte oft mit großem Mehrwert verbunden.

Im Gegensatz zu herkömmlicher Werbung (zum Beispiel einer Anzeige in Printmedien), haben Influencer einen direkten Kontakt zur Zielgruppe. Es besteht eine Vertrauensbasis zwischen Influencer/in und Followern und diese ist sehr, sehr wertvoll. Das wissen Unternehmen. 

Um das Vertrauen der Community nicht auszunutzen oder zu zerstören, überlege ich mir ganz genau, mit welchen Firmen ich arbeiten und welche Produkte ich auf meinen Kanälen bewerben möchte. Da es vor allem in der Nachhaltigkeitsbranche viele schwarze Schafe gibt und immer mehr Greenwashing betrieben wird, erfordert das Aussieben von Anfragen nicht nur jede Menge Arbeitsaufwand, sondern auch einen kritischen Blick.

Es erfordert den Mut, genauer hinzusehen, unangenehme Fragen zu stellen und ist mit sehr viel Recherchearbeit verbunden. Etwa 80% aller Anfragen, die täglich in meinem Postfach landen, lehne ich von vorne herein ab. Die übrigen 20% nehme ich genau unter die Lupe, recherchiere wie, wo und unter welchen Bedingungen produziert wird, prüfe die Philosophie des Unternehmens, lese Kritiken, stelle Fragen usw. Denn bevor ich ein Produkt bewerbe, muss ich selbst davon überzeugt sein.

Bewusster Konsum

Hinzu kommt, dass ich mein Zuhause im Sinne der Nachhaltigkeit nicht mit „kostenlosen“ Produkten vollstellen möchte, die ich am Ende gar nicht benötige. Alleine deshalb fallen für mich viele potenzielle Werbepartner, an denen ich Geld verdienen könnte, aus dem Raster.

Ein Beispiel: Stelle ich eine nachhaltigen Rucksack aus recyceltem Meeresplastik vor, weil ich zu 100% vom Unternehmen und vom Produkt überzeugt bin, möchte ich nicht vier Wochen später einen anderen Rucksack einer anderen Marke vorstellen, auch wenn dieser Rucksack vielleicht ebenfalls nachhaltig und unter fairen Bedingungen hergestellt wurde. Ich brauche einfach keine zwei, drei oder vier Rucksäcke, die zuhause in der Ecke liegen und nicht genutzt werden.

Ich versuche bewusst zu konsumieren und möchte demnach auch bei Kooperationen für meine Werte einstehen. Genauso wünsche ich mir von Unternehmen, die mit fairen Arbeitsbedingungen werben, dass sie diese auch bis zum letzten Arbeitsschritt durchführen und dazu zählt eben auch das Marketing.

Wertschätzung

Darüber hinaus hat eine faire Bezahlung meiner Meinung nach nicht nur mit der Entlohnung des Arbeitsaufwands, sondern vor allem auch mit Wertschätzung zu tun. Ist ein Unternehmen nicht bereit, meine Leistungen zu bezahlen, wird meine Arbeit nicht wertgeschätzt. Für mich bedeutet das, dass ich nicht mit diesem Unternehmen arbeiten möchte.

Nach sieben Jahren Selbstständigkeit kenne ich mittlerweile den Wert meiner Arbeit. Ich weiß, wie werbewirksam meine Reichweite ist und welchen Profit Unternehmen daraus schlagen können. Ich weiß, wieviele Arbeitsstunden ich in die Erstellung meines Contents stecke und wieviel Herzblut tagtäglich in meinen Blog und meinen Instagram Kanal fließt.

Und trotzdem struggle auch ich immer und immer wieder, wenn Firmen, mit denen ich eigentlich sehr gerne arbeiten würde, mich nicht bezahlen wollen, wenn sie einfach nicht müde werden mir zu erklären, dass sie als kleines Start up leider kein Budget für Werbung haben und ich immer wieder erklären muss, dass ich nicht kostenlos arbeite.

Es geht noch dreister

Am allerschlimmsten sind die Firmen, die mir ungefragt und ohne vorherige Kontaktaufnahme, irgendwelche Produkte nach Hause schicken. Häufig ist nicht mal ein Anschreiben des Absenders im Paket.

Was dahintersteckt: Die Firmen hoffen darauf, dass ich mich so sehr über das Überraschungspaket freue, dass ich gleich eine Instagram Story veröffentliche und meine Freude über die neuen Produkte mit meiner Community, bestehend aus 50.000 Menschen, teile.

50.000 Menschen, die auf das Produkt aufmerksam werden, es vielleicht ebenfalls haben wollen und kaufen. Und Zack, schon hat das Unternehmen sein Ziel erreicht und den Umsatz angekurbelt. Und das ohne einen Cent für Marketing auszugeben. Doch auch das ist Werbung. Unbezahlte.

Hinzu kommt, dass diese vermeintlich kostenlosen Produkte steuerrechtlich als geldwerte Vorteile und somit als zu versteuerndes Einkommen betrachtet werden. Jedes „Geschenk“ mit einem Warenwert ab 30 Euro muss versteuert werden. Das bedeutet im Klartext: Ich soll nicht nur kostenfreie Werbung für das Unternehmen machen, das mir ungefragt Produkte zusendet, sondern ich muss am Ende auch noch Steuern für diese Produkte zahlen.

Das Unternehmen wiederum profitiert doppelt und dreifach. Es bekommt nämlich nicht nur kostenlose Werbung, sondern es setzt die Produktgeschenke sogar noch als Werbeausgaben ab und verschafft sich dadurch einen steuerlichen Vorteil. Eine ganz schön ausgefuchste Sache diese „kostenlosen“ Überraschungspakete, nicht wahr?

Am schlimmsten finde ich jedoch, dass ich die Produkte, die mir ungefragt zugesendet werden, meistens gar nicht gebrauchen kann und deshalb auf eigene Kosten zurücksenden oder entsorgen muss. Der Grundgedanke der Nachhaltigkeit geht leider bei beiden Varianten vollkommen verloren.

Respektvolle Zusammenarbeit

Zum Glück gibt es in der Nachhaltigkeitsbranche aber nicht nur schwarze Schafe, sondern auch eine ganze Menge Firmen, die mit gutem Beispiel voran gehen, die respektvoll mit Werbepartnern kommunizieren, fair bezahlen und die Arbeit von Bloggern und Influencern wertschätzen.

Ich durfte in den vergangenen Jahren bereits mit einigen Unternehmen arbeiten, die sich Nachhaltigkeit und faire Arbeitsbedingungen nicht nur nach außen hin auf die Fahne schreiben, sondern auch bis zur letzten Instanz der Produktions- und Vermarktungskette durchziehen.

An dieser Stelle möchte ich mich für die faire und wertschätzende Zusammenarbeit bei diesen Unternehmen bedanken. Danke, dass Nachhaltigkeit für euch kein Argument für unbezahlte Werbung ist.


Die Kampagne #fairproduzierenfairbezahlen wurde von Astrid Aschenbrenner (@wienerkind) ins Leben gerufen. Über 80 Influencern/innen haben sich im Januar 2021 zusammengetan, um auf ihren Instagram Kanälen über faire Bezahlung in der Nachhaltigkeitsbranche aufzuklären und sich für respektvolle Kooperationen einzusetzen.

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Hey, ich bin Julia,

Reisebloggerin, Fotografin und Buchautorin. Am glücklichsten bin ich draußen in der Natur, beim Wandern, mit frischer Luft in den Lungen, Sonne im Gesicht und meiner Kamera im Gepäck. Auf globusliebe.com findest du Inspiration und Tipps rund um verantwortungsvolles Reisen und einen nachhaltigen Lebensstil.

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